Sarah Vecera: Wie ist Jesus weiß geworden?

Es gibt wohl kaum jemanden, dem die Bilder des um Luft ringenden George Floyd nicht mehr aus dem Kopf gehen. Wir haben praktisch am Bildschirm zugesehen, wie ein Mensch in Folge eines Polizeieinsatzes stirbt. Und wir waren entsetzt und es folgte eine Rassismusdebatte, auch in unserem Land.
Aber findet Rassismus immer in offensichtlicher Gewalt statt? Und ist dies immer so klar und deutlich wie in diesem schrecklichen Szenario? Eine, die diesen Fragen nachgeht und den Blick und den Horizont für die Wahrnehmung von Rassismus weitet, ist die Autorin, deren Buch ich dieses Mal vorstellen möchte. Sarah Vecera. Sie ist Prädikantin, so wie ich. Aber im Gegensatz zu mir hat sie Theologie studiert und arbeitet bei der VEM, der Vereinigten Evangelischen Mission.
Sarah Vecera hat erfahren, dass die Rassismusdebatte ab Sommer 2020 plötzlich intensiver in der Kirche angekommen war. Und schon lange war sie bei ihr, die sich als „schwarze Christin in einer weißen Dominanzgesellschaft und Kirche mit dem Thema auseinandersetzt“ (S.14), angekommen.

Der Titel des Buches provoziert natürlich. Und er stellt eine Frage, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Aber wenn wir genau dieser Frage nachgehen, dann lässt sich feststellen, dass das
herkömmliche Bild, das wir in unseren Kirchen in Deutschland und Europa von Jesus malen, wenig mit dem historischen Jesus zu tun hat. Denn er war mit höchster Wahrscheinlichkeit kein blonder junger Mann mit blauen Augen. Jesus wurde von der europäischen Christenheit für sich vereinnahmt. Und dieses falsche Jesusbild wird schon den Kleinsten in Kinderbibeln vermittelt. Aber warum? Wurde eine bewusste Täuschung vorgenommen, oder konnte man sich Jesus einfach nicht anders als weiß vorstellen? Zu tun hat es wahrscheinlich mit abwertender Einstellung zu schwarzen Menschen. Auch und gerade das ist das Erschreckende, wenn dies nicht bewusst geschieht. Denn Rassismus findet leider, und da öffnet dieses Buch schmerzhaft die Augen, oftmals unbeabsichtigt statt. Zudem auch in Bemerkungen, die als „positive“ Vorurteile daherkommen.
Wer hat sich nicht schon einmal dabei ertappt, Ethnien bestimmte Verhaltensweisen, Möglichkeiten und Begabungen zuzuweisen und damit nicht nur Vorurteile zu bestätigen, sondern sie auch zu schüren.

Ich möchte Appetit auf dieses aufklärerische Buch machen und vielleicht helfen nachfolgende Auszüge dabei, Ihr Interesse zu wecken.

„Du siehst sandige Steppen, wilde Tiere und bedürftige Kinder: alte koloniale Bilder halt, die uns ermutigen, entweder eine Safari zu machen oder zu helfen.“ S. 141-142.

„Wenn du gekommen bist, um zu helfen, verschwendest du deine Zeit. Aber wenn du gekommen bist, weil deine Befreiung mit meiner verbunden ist, dann lass uns zusammenarbeiten.“ S.139: Zitat einer Aborigine-Aktivist*innengruppe, Queensland, 1970er-Jahre."

„Der tansanische Bischof Josiah Kibira hat bereits 1991 gesagt: Jetzt sind wir Partner. Das bedeutet: Wir alle nehmen und geben gleichzeitig. Es gibt keine Kirche, die nichts zu geben hat, so klein sie auch sein mag. Es gibt keine Kirche, die nichts braucht, so reich und groß sie auch sein mag. Wir brauchen einander.“ S. 143.

Ihre Marina Knieling

PATMOS Verlag
ISBN 978-3-8436-1352-1
19,-- Euro

 

 

Arun Gandhi: Wut ist ein Geschenk

Arun Gandhi, ein Enkel von Mahatma Gandhi, verbringt als Heranwachsender einige Jahre bei seinem Großvater im Ashram. Im besagten Buch erzählt Arun Gandhi seine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen mit seinem für ihn nicht immer einfachen Großvater. Arun lernt im Zusammenleben mit seinem Großvater wesentliche Lektionen, die sein weiteres Leben und Wirken beeinflussen sollen.

Als LeserIn erhält man neben wertvollen Denkanstößen einen neuen, intimeren Blick auf die berühmte Persönlichkeit Mahatma Gandhis.

Der Titel mag, wenn man sich an Mahatma Gandhi erinnert, seltsam klingen. Wirkte er jemals wie ein wütender Mensch? Gandhi hatte tatsächlich gelernt, seine Emotionen zu kontrollieren, aber die Wut behielt er. Wut über Ungerechtigkeiten und Ausbeutung. Dadurch war er zum gewaltlosen Widerstand befähigt und hat damit viele Menschen beeinflusst. Mahatma Gandhi hat es, so ist es in diesem Buch beschrieben, nicht darauf angelegt, von seinem Enkel besseres moralisches Verhalten einzufordern, sondern versucht ihm klar zu machen, welche Auswirkungen das Denken und Handeln des Einzelnen auf die Gesellschaft und in Folge auf die gesamte Menschheit hat.

Ein Beispiel hierfür ist in der Lektion sechs beschrieben: „Verschwendung ist Gewalt.“ Der junge Arun wirft einen ziemlich kurz gewordenen Bleistiftstummel weg, weil er der Ansicht ist, er hätte einen neuen Bleistift verdient. Gandhi lässt Arun diesen Bleistiftstummel suchen. Die Suche ist schwierig, der Stummel klein und es ist schon dunkel, als Arun zu der Suche aufbrechen muss. Als er ihn schließlich findet, vermutet er, dass Gandhi ihm Recht geben wird und der Stummel zu nichts mehr nütze ist. Aber stattdessen macht Gandhi ihm klar, dass der Stummel noch weiter zu gebrauchen ist. Arun erkennt, dass diese Lektion in Zusammenhang steht mit Gandhis Einstellung zum verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Und Arun lernt.

Vielleicht sind wir versucht, dieses Beispiel zu belächeln, aber gehen wir mal in unseren derzeitigen Alltag hinein. Als ich vor einigen Wochen einen Arzt aufsuchen musste, erzählte man mir dort, dass es zurzeit schwierig sei an Einmalhandtücher zu kommen. Es war wohl plötzlich ein Mangel aufgetreten. So hatte das Personal die Anweisung, wenn möglich, die Blätter einzeln und mit Bedacht zu nutzen und nicht verschwenderisch damit umzugehen.

Beim Lesen des Buches fiel mir diese Episode ein und ich dachte mir, dass wir schon so an den Überfluss gewöhnt sind, dass uns gar nicht mehr klar ist, dass es auch Situationen geben kann, in denen plötzlich auch für uns solche alltäglichen Dinge nicht mehr selbstverständlich sind. Und erst dann beginnen wir, uns über deren Verfügbarkeit Gedanken zu machen. Unter Umständen kommt es dann, wenn das begehrte Gut wieder zur Verfügung steht, zu Hamsterkäufen. Damit will man den eigenen Bedarf decken und sorgt schließlich dafür, dass es zur Mangelware für andere wird. Man lernt aber dann nicht, das Produkt, seine Herkunft und Herstellungswege zu schätzen, sondern nur seine Verfügbarkeit. Mangel kann aber auch lehren, den Wert der Ressource zu erkennen und die eigene Einstellung zu den Dingen grundsätzlich zu überdenken.

Vielleicht bietet die aktuelle Situation ja Zeit für die Lektüre dieses Buches, welches ich von Herzen empfehle.

Dumont-Buchverlag, ISBN 978-3-8321-9866-4

(Marina Knieling)

Lektüre zwischen den Jahren: Der schöne Augenblick

„Nicht der Tage erinnert man sich“, heißt es bei Cesare Pavese, „sondern der Augenblicke.“ So beginnt der Klappentext in dem kleinen Büchlein, welches ich Ihnen diesmal
wärmstens empfehlen möchte.

Der Insel Verlag bringt jedes Jahr für die Zeit „zwischen den Jahren“ eine Lektüre heraus, die eine Sammlung von literarischen Texten unter einem bestimmten Motto enthält.

Die Reihe der „Lektüre zwischen den Jahren“ gibt es seit 1980 und wer ein kleines, aber literarisch wertvolles Kleinod verschenken möchte, macht hier nichts verkehrt. Gedacht ist dieses Büchlein als sinnvolle Beschäftigung eben zwischen den Jahren, wenn das Weihnachtsfest vorbei ist und Silvester noch nicht begonnen hat. Aber man kann es natürlich jederzeit zur Hand nehmen.

Die aktuelle Ausgabe widmet sich den schönen Augenblicken. Um Ihnen Geschmack auf die Lektüre zu machen, einen Auszug aus Antoine de Saint-Exupéry „Das Wesentliche hat meistens kein Gewicht“: „Die echten Wunder kommen ohne großes Aufheben daher! Die wesentlichen Ereignisse sind schlicht! …In diesem Fall war das Wesentliche offenbar nur ein Lächeln. Dies hier nahm uns auf fabelhafte Weise die Angst vor der Gegenwart. Es schenkte uns Sicherheit, Hoffnung und Frieden.“

Insel Verlag, ISBN 978-3-458-36423-8

(Marina Knieling)

Landraub – Die globale Jagd nach Ackerland

Auf der Rückseite des Buches steht ein Zitat von Mark Twain: „Kaufen Sie Land, es wird keines mehr gemacht.“ Dies ist eine unerschütterliche Wahrheit. Land ist nicht unendlich vermehrbar. Wem Land gehört, dem obliegt nach unserer Verfassung nach Artikel 14 auch eine besondere Verpflichtung. Dort heißt es nämlich: „Eigentum verpflichtet“. Aber nicht in allen Teilen der Welt sieht man das so und dort, wo es keine rechtsstaatliche Verfassung gibt, kann auch kein Anspruch eingeklagt werden. Fruchtbarer Boden und Ackerland sind nicht unbegrenzt verfügbar und damit zu einem Spekulationsobjekt geworden. Ein Wettlauf um diese wertvollen Ressourcen hat begonnen und das hat Folgen. Der Autor Kurt Langbein ist diesem Wettlauf nachgegangen und hat erschütternde Feststellungen machen müssen. Der Fachbegriff für diese Art des Landaneignens ist „Land Grabbing“. Investoren aus Europa preisen den Landkauf in den ärmsten Ländern als sicheres und höchst gewinnträchtiges Investment an. Die Landbevölkerung wird brutal vertrieben. Da die Landbevölkerung zumeist keine Dokumente besitzt, die ihr das Bleiberecht auf dem seit Generationen von ihr bebauten Land sichern, und es damit nicht als ihr Eigentum gilt, gibt es keine Abwehr gegen die Enteignung. Die Agrarindustrie arbeitet auf den enteigneten Böden rein gewinnorientiert und nicht unter ökologischen Gesichtspunkten. Das, was sich aktuell gut auf dem Markt gut verkaufen lässt, wird angebaut.

In seinem Buch belegt der Autor, „dass bäuerliche Strukturen, wenn sie mit modernen Methoden begleitet werden, den Schlüssel für die Ernährung der Zukunft in der Hand haben: Sie schonen die Böden, verbrauchen viel weniger Energie, als sie herstellen, und geben Millionen Menschen Arbeit und Perspektive.“ Aber damit lässt sich kein Profit machen. Hunderttausende Menschen verlieren jedes Jahr mit dem Boden Lebensgrundlage und Arbeitsplatz. Sie strömen in die Städte, wo sie aufgrund der fehlenden Arbeitsmöglichkeiten verelenden. Flüchtlingsströme sind die Folge. Die industrielle Landwirtschaft verbraucht zuviel Energie und trägt zum Treibhauseffekt bei. Neben den Böden sind Wasser und Düngemittel auch knappe Güter und ihr Einsatz in der industriellen Landwirtschaft ist höher als der Ertrag.

Es geht auch um Ressourcenverschwendung. Gleichzeitig werden drei Millionen Hektar Ackerland jedes Jahr weltweit verbaut; mehr als doppelt so viel, wie Österreich Ackerland hat. Das Buch von Kurt Langbein will mit Sicherheit nicht deprimieren. Es will ein Bewusstsein schaffen, wohin der unbegrenzte Verbrauch, die intensive Landwirtschaft und die fehlende Ressourcenschonung führen. Er appelliert an Politik und jeden Einzelnen, wo möglich, Einfluss zu nehmen und vom kurzfristigen Profitdenken Abstand zu nehmen. Nur so kann es eine Zukunft für alle geben.

Aufmerksam wurde ich auf das Buch durch eine Fortbildung für Prädikanten in diesem Jahr. Da haben wir uns mit dem Land aus biblischer Sicht befasst. Gott hat dem Menschen das Land gegeben. Und damit war auch immer eine Verpflichtung verbunden.

2. Mose 23, 10-11 „Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln. 11 Aber im siebenten Jahr sollst du es ruhen und brach liegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Felde fressen.“

Kurt Langbein
ecowin,
ISBN 978-3-7110-0073-6

(Marina Knieling)

Veranstaltungen