Das rechte Selbstverhältnis als Ort von Sicherheit und Freiheit

Predigt innerhalb der PR „Beziehungen“ 2019 zum Thema „Die Beziehung zu mir selbst“ über Römer 8,31b-39
Prediger: Pfarrer Markus Risch

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-Text Röm 8,31b-39-

„Jetzt geht’s los
wir sind nicht mehr aufzuhalten.
Jetzt geht’s los
hier spielt die Musik!

So singen die „Höhner“ jedes Jahr zu Karneval – und ihr Lied, es erinnert mich stark an das Lied, das Paulus „singt“. „Wer kann schon gegen uns sein…“ … „alles will er uns schenken“… „ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges , weder Hohes noch Tiefes noch irgend eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.“

Das nenn ich mal Selbstbewusstsein! Der Paulus tritt hier mit einer Selbstsicherheit auf, die es in sich hat! Wie „de Höhner“ und ihre Fangemeinde, die schon ein wenig erhöht sind durch Alkohol und gemeinsame Feierstimmung. So wirkt auch Paulus fast schon trunken von seiner Gewissheit, dass der christliche Glaube die Gemeinde über alles erhebt, was dieses Leben so an Unbill und Schaden bereit-halten kann.

Liebe Schwestern und Brüder, wir wollen uns heute mit der Beziehung zu uns selbst beschäftigen. Und da war es mir wichtig, stark und laut einzusteigen: Denn wir haben allen Grund, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu haben. Zu strotzen und nicht demütig zu sein!
Ich weiß nun, dass einige denken werden: Keine Demut? Ja, schon auch. Aber zuerst kommt das Selbstbewusstsein. Und warum? Nun, Paulus sagt es doch, und das gilt für uns alle: „Ist Gott für uns, wer kann dann schon gegen uns sein?“ Niemand und nichts!! Das ist die Kernbotschaft Jesu. Sein gesenktes Haupt am Kreuz bedeutet Liebe und den Beistand für uns, der uns erhobenen Hauptes durch die Welt gehen lässt. Christus hat den Tod besiegt, die letzte Grenze – und eignet uns diesen Sieg zu. Trotz unserer Unvollkommenheiten, trotz aller Gefahren, die die Welt so bereithält. Ist Gott in Christus für mich – wer und was kann dann schon gegen mich sein? Also: Arsch hoch – „denn wir sind nicht mehr aufzuhalten“.

Das rechte Verhältnis zu uns selbst, in christlicher Lesart, ist: Selbstvertrauen und ein gutes Maß an gesundem Selbstbewusstsein. Denn wir sind nicht allein. Wir haben jemanden, der stets an unserer Seite geht. Und wir alle teilen(!) diese Erkenntnis – gemeinsam sind wir stark durch den, „der uns mächtig macht“, Christus! Dabei geht es nun gerade nicht um `Selbstvergötzung´ – nein, niemand von uns ist perfekt und unsere Gemeinschaft ist es auch nicht. Aber genau das ist ja das Geheimnis eines christlich verantworteten Selbstbewusstseins: Unser alltägliches und nichtalltägliches Leid endet nicht, auch unsere Schwächen bleiben – das ist aber kein Grund Mut und Hoffnung aufzugeben. Vielmehr darf uns das bestärken selbstbewusst durch das Leben zu gehen – weil nicht irdischer Erfolg oder Gesundheit oder menschliche Fähigkeiten uns wertvoll machen. Sondern Gottes Liebe in Christus allein! Wir müssen nichts dafür tun, geliebt und wertgeschätzt zu werden; wir sind(!) bereits geliebt und wertgeschätzt.

Das ist umso wichtiger und entscheidender, weil es an diesem Bewusstsein, in unserer Gesellschaft häufig mangelt. Ich persönlich bin der Meinung, dass das sogar das größte Problem ist, dass wir zur Zeit haben. Denn ohne das Vertrauen, dass wir etwas sind, dass wir wertvoll sind, dass jede und jeder von uns etwas einzubringen hat – in aller Unvollkommenheit –, ist kein gesellschaftliches Problem zu lösen. Dann macht sich nämlich Mutlosigkeit breit. Und Mutlosigkeit bedeutet Lethargie. Ich kann mich anderen Menschen und anderen Dingen dann nicht mehr zuwenden. Und lethargisch lösen wir auch keine Herausforderungen. Wir können so keine Armut bekämpfen, wir können nichts gegen den Klimawandel tun – und vor allem: Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft geht dann vor die Hunde, wenn jeder nur noch seinen Kopf in den Sand steckt – weil er sich wertlos fühlt und nicht anerkannt.

Doch Gott hat uns mit der Schöpfung Intelligenz geschenkt. Er hat uns ein Herz gegeben, mit dem wir auf andere zugehen können – mit ihnen eine Beziehung eingehen können. Er hat uns „mit Herrlichkeit gekrönt“ heißt es im 8. Psalm. Wir sind wer. Und doch fühlen wir uns durch Verletzungen, die andere anrichten, immer wieder in unserem Selbstvertrauen geschwächt. Auch Schicksalsschläge, Armut , Krankheit, Tod schächen unser Selbstbewusstsein. Alles ist dann „eitel“, schlecht, unnütz…
Und dann kam Christus. In Schwachheit, in Niedrigkeit, nahm er selbst die Gestalt unseres geschwächten Vertrauens in uns selbst an… und brachte die Krone zurück, indem er uns in der Auferstehung zeigte: Ich bin immer bei euch, immer mit euch. Nichts kann euch scheiden von der Liebe Gottes, die der Inbegriff von allem ist. Weil ich da bin. Weil ich den Weg geebnet habe. Nein, es wird immer unvollkommen bleiben, solange diese Erde steht. Aber ihr seid Gottes Speerspitze, durch die ich selbst wirke und die Welt verändere.

Liebe Geschwister, dank Christus „sind wir nicht mehr aufzuhalten“. In diesem Bewusstsein – und nur so! – können wir zu „Mutmenschen“ werden, die mit gesundem Selbstbewusstsein nicht nur die eigenen Herausforderungen im Leben bestehen können. Wir können damit auch andere anstecken. Lasst uns einen bewussten Gegenentwurf zu allen „Angstpredigern“ sein, die in der Hoffnungslosigkeit der Welt verharren. Auf dem Kirchentag, der letzte Woche in Dortmund zu Ende ging, gab es eine Aktion, die ich eigentlich ganz gerne nachmachen möchte. Vielleicht finden sich ja Menschen, die mitmachen: An jedem Mittag des Kirchentages gab es in der Hauptkirche St. Reinoldi eine kurze Andacht, in der Mut- und Hoffnungsgeschichten erzählt wurden. So wollte man nicht die großen Herausforderungen in unsere Gesellschaft leugnen, ganz im Gegenteil! Man wollte aber in den Menschen mehr Selbstbewusstsein wecken – denn ohne uns Menschen, ändert sich in dieser Welt nichts. Wir sind gefordert. Doch dazu gehört es, dass wir mit uns selbst im Reinen sind – und das dürfen wir. Denn Christus, der trägt unsere Schwächen und Unvollkommenheiten und krönt uns gleichzeitig zu Königskindern, die mit gutem und gesundem Selbstbewusstsein an diesen Mut- und Hoffnungsgeschichten anknüpfen können. Und so erhobenen Hauptes die Welt verändern…
„Wir sind nicht mehr aufzuhalten!!

Amen.