„Trägt mich mein Glaube – oder steht mir das Wasser bis zum Hals?“

Predigt in der Thomasmesse April 2017 über Lk 5,17-25

von Pfarrer Markus Risch

[Glaube, der trägt, obwohl das Wasser bis zum Hals steht]
„Boah, wie schaffen die das?“ – So denke ich bei mancher Begegnung in meiner seelsorgerlichen Tätigkeit. Da gibt es ältere Frauen, die schaffen es den Tod ihrer eigenen Kinder in ihr Lebenskonzept zu integrieren. Sie leiden darunter, und doch verlieren sie über all dies niemals den Glauben an Gott und das Leben. Da gibt es Menschen, die verlieren alles im Leben – Scheidung, Verlust der Arbeitsstelle, Krankheit. Und doch geben sie nicht auf und sagen: „Ich fühle mich doch von Gott getragen.“

[Problemanzeige: Das ist toll – doch was, wenn nicht?]
Bei all diesen Erfahrungen werde ich ganz kleinlaut: Kann ich das so für mich nachsprechen? Schafft mein Glaube das auch? Ist er immer stark genug – auch wenn das Leben so richtig dreinschlägt? Ich bin mir da selbst gar nicht immer so sicher… Ich meine, ich weiß es nicht; bisher hatte ich die Gnade, dass mir so richtig schwere Schicksalsschläge erspart geblieben sind. Dafür bin ich Gott dankbar, aber ich denke auch nach: Was wäre wenn…?

[Antwort: Die Heilung eines Gelähmten, Lk 5,17-25]
Was wäre, wenn eine schwere Krankheit in mein Leben käme – eine, die von einer Minute auf die andere vielleicht alles anders machen würde? Was wenn meiner Frau oder meinen Kindern etwas passieren würde? Was trägt mich dann?
Und gibt es vielleicht auch etwas, was mich trägt, wenn mein eigener Glaube am Ende doch nicht so stark ist? Mir fällt dazu eine Geschichte ein. Sie steht bei Lukas im 5. Kapitel – und das Getragen-werden, es ist hier wirklich wörtlich zu nehmen:
Lesung Lk 5,17-25

Es ist spannend: Eigentlich erfahren wir über den Gelähmten fast nichts. Er kann nicht gehen, sonst bräuchte er seine Freunde nicht. Wie lange er schon bewegungsunfähig ist, wie lange sein Schicksal andauert, ist unklar. Und was er denkt und fühlt, wird ebenfalls nicht gesagt. Auch nicht, was er glaubt. Ob er überhaupt noch an irgendetwas glaubt… Ganz lapidar heißt es: „Einige Männer brachten einen Menschen auf einem Bett; der war gelähmt.“ Dann passiert das Entscheidende: Sie lassen sich von der Menschenmenge nicht abschrecken. Sie werden kreativ, gehen auf das Flachdach des Hauses – die Häuser in Israel waren damals generell so gebaut –, machen ein Loch hinein und lassen den Gelähmten hinunter zu Jesus. So wichtig ist es den Freunden, dass sie zu diesem Jesus kommen, der ja erst kürzlich bekannt geworden ist durch seine Worte und Taten. Wir befinden uns, wenn wir in das Evangelium schauen, ja noch am Anfang seiner Wirksamkeit. So wichtig ist ihnen das – und so sehr vertrauen SIE diesem ihnen wahrscheinlich unbekannten Wundertäter. Jesus beeindruckt das sichtlich; und er wendet sich dem Gelähmten zu – und am Ende heilt er ihn. Und das alles nur, weil er „ihren“, der Freunde(!), Glauben sah!

Viele treten in dieser Geschichte auf: Jesus, eine Menschenmenge, die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Freunde, die Jesus vertrauen… Nur der Gelähmte, der spielt eine Nebenrolle. Geradezu schweigsam ist er, verstummt… so, wie wir nach einem schweren Schicksalsschlag?

Aber die Freunde sind ja da! Sie glauben. Und sie tragen ihren Freund ganz buchstäblich zu Jesus. Ja, ihr Glaube trägt das Schicksal des Freundes!
Glaube, liebe Schwestern und Brüder, ist hier nichts Individuelles, nichts, was nur den einzelnen betrifft. Nein. Wenn mein eigener Glaube auf einmal schweigt, dann trägt mich immer noch der Glaube der anderen. Meiner Freunde vielleicht. Meiner Familie. Meiner Gemeinde. Glaube ist Gemeinschaftsereignis! Denn unser Glaube mag uns durch manche Höhen und Tiefen des Lebens tragen, aber niemand kann sich sicher sein, dass der eigene Glaube immer stark genug ist. In jeder Lebenssituation. Wir sind eben als einzelne immer auch Zweifler. Und da ist es gut, wenn wir andere haben, die das Leid mit uns tragen. Da ist es gut, dass(!) es andere Menschen gibt, die Leid mit uns tragen…

[Zusammenfassung und Weitung: Immer wieder in den Jesusgeschichten hören wir, dass auch der Glaube anderer trägt und unserem eigenen Glauben „Beine macht“.]
Ich finde das bemerkenswert, wie Jesus davon angerührt wird, wie die Freunde für den Leidgeplagten glauben. Da hilft er. Da ist er da für den Gelähmten. Und manchmal, da glaubt auch Jesus selbst für diejenigen, denen das Wasser bis zum Hals steht: Ganz anschaulich können wir das auf unserem Thomasmessen-Plakat sehen: Der sinkende Petrus – der seinem eigenen Glauben sichtlich zu viel zugetraut hat. Der wie Jesus übers Wasser laufen wollte – und absäuft… Doch Jesus reicht ihm die Hand.

Ich glaube ja, dass nicht nur Freunde, Familie und Gemeinde für uns glauben können, wo unser Glaube nicht mehr trägt. Ich glaube auch, dass Jesus selbst das manchmal tut, wenn wir es nicht mehr schaffen. Wir müssen seine Hand dann nur noch ergreifen… aber sie ist in jedem Fall da, egal in welcher Lebenssituation wir auch sind. Sie löst sich nicht von uns.

Und manchmal macht uns dieses Gefühl ja dann auch wieder Beine – unserem Glauben und unserem Vertrauen. Wenn wir sehen, wie Freunde durch ihren Glauben uns das Vertrauen in Gott und seinen guten Plan auch in schweren Zeiten zurückbringen… Oder auch wenn wir in den tiefsten Tiefen des Lebens, die haltende Hand Jesu spüren… Dann können wir vielleicht, auch wenn wir eigentlich gar nichts mehr zu hoffen wagten, sagen: Ja, ich glaube, auch wenn ich immer wieder zweifle. „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben“, heißt es ja auch von dem Vater eines besessenen Kindes im Neuen Testament (Mk 9,24).
So, liebe Schwestern und Brüder, kann ich am Ende dann doch mein Bett nehmen, gehe nach Hause zu Gott und preise ihn – wie es der Gelähmte getan hat.

Amen.

Download der Predigt als PDF-Dokument